Die Seeflagge der deutschen Marine

 

Die Seeflagge

Als Dienstflagge der Seestreitkräfte der Bundeswehr wird die Bundesdienstflagge in Form eines Doppelstanders geführt. Die der Stange abgewendete Seite der Flagge ist gezackt. Der Scheitel des rechtwinkligen Einschnitts liegt in der Mitte des roten Feldes. Der Abstand des Scheitelpunktes vom Bundesschild ist etwas geringer als der Abstand des Bundesschildes von der Stange.

 

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Die Seeflagge der deutschen Marine

 

Historisches Stichwort

„Als Dienstflagge der Seestreitkräfte der Bundeswehr bestimme ich die Bundesdienstflagge in Form eines Doppelstanders. Die der Stange abgewendete Seite der Flagge ist gezackt. Der Scheitel des rechtwinkligen Einschnitts liegt in der Mitte des roten Feldes. Der Abstand des Scheitelpunktes vom Bundesschild ist etwa geringer als der Abstand des Bundesschildes von der Stange.“

So lautet der Text der Anordnung des Bundespräsidenten über die Dienstflagge der Seestreitkräfte der Bundeswehr vom 25. Mai 1956, veröffentlicht im Bundesgesetzblatt I Seite 447.

Unterzeichnet ist die Anordnung von Bundespräsident Theodor Heuss, Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Bundesminister für Verteidigung Theodor Blank.

Die Seeflagge bei Sonnenaufgang

Frühe Flaggendiskussion

Nach Beendigung des Besatzungsstatuts am 5. Mai 1955 und dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO vier Tage später erfolgte die Aufstellung eigener Streitkräfte, der Bundeswehr. Während die neue (west-)deutsche Armee erst neun Jahre später eine eigene Truppenfahne erhielt, mussten die Schiffe der Marine natürlich sofort ein nationales Distinktionszeichen, sprich eine Flagge, führen.

Mit der Einberufung der ersten Freiwilligen am 2. Januar 1956 zur Marine-Lehrkompanie nach Wilhelmshaven war die Aufstellung der kleinsten Teilstreitkraft eingeleitet worden. Die Übernahme von 18 Minensuchbooten aus amerikanischem Bestand und der Indienststellung von 26 Sicherungsbooten des See-Grenzschutzes bildeten im Frühjahr 1956 den materiellen Grundstock der neuen Marine. Und eben diese Schiffe brauchten eine neue Flagge.

Bereits mit Beginn der Verhandlungen über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zu Anfang der 50er Jahre kam es zu Überlegungen über eine Flagge für die künftigen Seestreitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Besonders intensiv ist die Flaggenfrage in den Kreisen ehemaliger Offiziere der Reichs- und Kriegsmarine diskutiert worden, deren Vorschläge aber letztlich nicht berücksichtigt wurden.

 

OvD macht vor der Seeflagge Meldung

Keine europäische Marine

Und wie standen die amtlichen Vertreter zur Flaggenthematik? Vizeadmiral a.D. Karl-Adolf Zenker, damals Leiter der deutschen Marinedelegation bei den Pariser EVG-Gesprächen, schrieb 1953 an Konteradmiral a.D. Gerhard Wagner: „Zur Flaggenfrage darf ich kurz folgendes bemerken: Wir haben diese Frage bereits hier im Haus [in Bonn; d. Verf.] und in Paris angeschnitten und versucht, eine Klärung herbeizuführen, da dieses Problem ja gelöst sein muss, wenn das erste Fahrzeug in Dienst gestellt ist.

Es war verhältnismäßig schwer eine Lösung zu finden, da der Status der EVG völkerrechtlich ja ein Novum ist. Die augenblickliche Lösung des Problems sieht nun so aus: Die Kriegsschiffe in der EVG führen grundsätzlich zwei Flaggen und zwar die EVG-Flagge und dazu ihre eigene Kriegsflagge, sonst Dienstflagge.

Die Flagge der EVG soll ein Doppelstander sein mit dem grünen Europa-‚E’ auf weißem Grund, derart, dass das ‚E’ ringsum am Rande anliegt und mit seinem Mittelbalken bis an den Ausschnitt reicht. Wenn man schon bei dem Buchstaben als Symbol bleiben will, scheint mir dieses noch eine ganz passable Lösung.

Einen Flaggenstreit um eine deutsche Bundeskriegsflagge werden wir uns z.Z. sicher nicht leisten können. Auch bei den übrigen Wehrmachtsteilen finden wir dafür kein Verständnis. Es bliebe also für uns zunächst, zu dieser europäischen Flagge die jetzt gültige Bundesdienstflagge zu setzen.

Die ganze Frage wird man m. E. erst wieder aufgreifen können, wenn mit der Wiedervereinigung Deutschlands das Problem der Reichsfarben genau wie die gesamte Verfassungsfrage wieder akut wird. Vorher sollte man sich hüten, durch Wechsel der Symbole erneut Kontroversen in unserem Volke wachzurufen.“

Neben den flaggenkundlichen Ausführungen sind auch andere Äußerungen von zeithistorischer Bedeutung. So sprach Zenker noch von Wehrmachtsteilen für die künftigen bundesdeutschen Streitkräfte; bezog sich auf die damals noch akute Wiedervereinigungsthematik, die ja einen neuen Anstoß durch die so genannte Stalin-Note vom 1. März 1952 erhalten hatte; gemahnte an den der damaligen Generation noch lebhaft in Erinnerung gebliebenen erbitterten Flaggenstreit der Weimarer Republik.

Doch nach dem Scheitern der EVG-Verhandlungen im Sommer 1954 war auch eine EVG-Flagge hinfällig geworden. Die Marineführung der Bundeswehr entschied sich für die Bundesdienstflagge, allerdings mit eingeschnittenem Fliegenden Ende. Diese Schwalbenschwanzform wird in der Seefahrt – und von ihr in die allgemeine Flaggenkunde übernommen – als Doppelstander bezeichnet. Die Gösch, die Bug(spriet)flagge, ist im selben Muster, aber in kleinerer Abmessung gehalten.

Hauptgefreiter vor der Seeflagge


Unklare Urheberschaft

Wer war nun der Erfinder dieser besonderen Form der Seeflagge der Bundeswehr, womit ja die rechteckige Tradition (gesamt-)deutscher Kriegs- resp. Dienstflaggen seit den Tagen der ersten Bundesflotte (1848-1852) verlassen wurde. Als solcher gab sich Vizeadmiral Friedrich Ruge aus, der erste Inspekteur der Bundesmarine.

Ruge schreibt in seinen Tagebüchern: „Anlässlich der Übernahme der ersten Boote von den Amerikanern in Bremerhaven hielt ich eine Ansprache; dann wurde die Bundesflagge gehisst: Schwarz-Rot-Gold mit dem Bundesadler im Wappenschild in der Mitte. Als Unterschied von der Bundesdienstflagge hatte ich auf eigene Faust angeordnet, dass die Flagge gezackt war wie die der nordischen Kriegsmarinen. Dazu hat sich niemals jemand geäußert ...“

Es gibt jedoch Hinweise, dass der wahre Entwerfer der Seeflagge Fregattenkapitän Theodor v. Mutius war, seinerzeit in der Abteilung VII – Marine, Referat Innere Führung, des Bundesministeriums für Verteidigung tätig.

 

Skandinavisches und preußisches Vorbild

Es kann davon ausgegangen werden, dass bei der Wahl der Seeflaggen-Form letztlich drei Gesichtspunkte eine Rolle spielten:

das für die EVG vorgesehene Muster

der traditionsreiche Doppelstander der nordischen Marinen

die preußische Kriegsflagge.

Die erste preußische Kriegsflagge bestimmte König Friedrich Wilhelm III (1797-1840) mit Datum des 24. November 1816. Sie zeigte auf weißem Feld den preußischen Adler mit dem Eisernen Kreuz im Obereck – und war noch rechteckig. Die eingeschnittene Variante kam erst drei Jahre darauf in Gebrauch und war bis 1867 gültig; 1867 ist der Norddeutsche Bund gegründet worden, dessen Marine – mit neuem Flaggendesign in rechteckiger Form – die bisherige preußische stellte.

Die erste der drei preußischen Kriegsflaggen nannte man auch die Stralsund-Flagge, benannt nach dem 1816 gebauten Kriegsschoner gleichen Namens. Und in dieser vorpommerschen Stadt saß auch wohl der Ur-Erfinder des Flaggeneinschnitts in deutschen Kriegs- bzw. Dienstflaggen: der seinerzeitige Kommandant von Stralsund, Generalleutnant von Engelbrechten. Als Vorbild diente ihm augenscheinlich die schwedische Kriegsflagge, kein Wunder, gehörte doch Stralsund seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) für 167 Jahre zu Schweden – bis es 1815 zum Königreich Preußen kam.

 

Quelle: Stand vom: 18.06.2009 | Autor: Harry D. Schurdel für Redaktion Marine