Z-Reling

In den unendlichen Weiten des www. habe ich folgenden Beitrag gefunden, der zwar ein wenig vor meiner aktiven S-Fahrenzeit abgelaufen sein soll, aber so ähnlich war es zu meiner Zeit auch:




Z – Reling

Wenn der Hintermann auf der Hecksee des Führerbootes reitet, zeigt sein Maschinentelegraf bei gleicher Geschwindigkeit eine Fahrtstufe weniger an.
Man nennt diese halsbrecherische Aktion „Brennstoff sparen“, Heck des Vordermannes und Bug des Nachfolgers liegen dabei auf gleicher Höhe. Die geringste Kursänderung kann zur Katastrophe führen, falls die Formation nicht aufpasst. Unser Boot, die „Weihe“, ist in der Eckernförder „Meile“ knapp 46 Knoten gelaufen, eine respektable Geschwindigkeit.
Schnellbootfahren ist nur eine schneidige Sache, wenn man selbst nicht auf einem dieser Kraftpakete fahren muss. Es gibt ein stolzes Bild, wenn 12 000 donnernde PS die gerade mal 211 Tonnen großen Torpedo-Yachten durchs Wasser jagen, mit einer Hecksee, höher als das Achterschiff; wenn der messerscharfe Bug die heran rollenden Seen zerteilt und die Gischt zehn Meter hoch hinauf peitscht und bis auf den schnittigen Vorsteven das ganze Boot verhüllt.
Kommandant und Wachoffizier können sich vor schneidender Gischt und Spritzwasser hinter dem dicken Plexiglas-Windabweiser noch wegducken, Signäler und Ausguck stehen in der Wanne, wie der Feuerleitstand genannt wird, weitgehend ungeschützt. Die Parka-Kapuzen sind bis auf einen schmalen Schlitz für die Augen zugezogen, die Handtücher um den Hals sind schnell nass und werden in kurzen Abständen gewechselt.
In den zugigen Motorenräumen sitzen die Fahrmaate ebenfalls im Parka vor ihren Böcken. Die Motoren saugen die Luft direkt aus dem Maschinenraum an, durch die Troglüfter an Deck dringt eine große Menge Salzwasser und die Heizer müssen nach jedem Einsatz das Salz von den Motoren waschen.
Im Funkraum hockt der Funkmaat und holt sich blaue Flecken. Das Schnellboot arbeitet bei höheren Fahrtstufen in der See nicht wie andere Schiffe, rollt nicht hin und her, stampft nicht auf und ab. Der Körper kann die Schiffsbewegungen nicht ausgleichen, weil sie sich nicht vorausberechnen lassen. Bei ruhiger See rüttelt das Boot wie eine Straßenbahn, hart und ruckartig. Gegen grobe See fällt es fortgesetzt in tiefe Löcher. Wenn es sich eigentlich wieder hoch bewegen müsste, fällt es in das nächste Loch.


Der Funkmaat

Vor der See schlingert das Boot bei hohen Geschwindigkeiten unregelmäßig und heftig. Es legt sich unangenehm lange auf die Seite, das Heck tief im Wasser, der Bug zeigt schräg in den Himmel. Manchmal wähnt man sich unwillkürlich kurz vor dem Kentern. Wenn der Rudergänger nicht höllisch aufpasst und gegensteuert, liegt das Boot quer.
Die größte Gefahr bedeutet das Unterschneiden. Läuft man zu schnell gegen eine hohe See an, kann es passieren, dass die geballte Kraft der vier Motoren das Vorschiff regelrecht in die Brecher hineinbohrt. Hunderte von Tonnen Wasser stürzen dann auf das Boot herab, ob und wie es dann wieder hoch kommt, ist Glücksache.
Das 5. Schnellbootgeschwader mit Heimathafen Neustadt in Holstein passiert Feuerschiff Elbe 1 und nimmt Kurs auf die Insel Sylt. Es ist September, Zeit der Herbstmanöver.

Die mittelhohe, lange Nordseedünung ist ungewohnt für die Besatzungen. In ihrem normalen Einsatzgebiet, der Ostsee, kennen sie keine Dünung.
Das Geschwader hat Order, hinter der Insel Sylt im Lister Tief zu ankern und weitere Einsatzbefehle abzuwarten.
Die sieben Boote marschieren in zwei Divisionen, voraus die 2. Division mit „Weihe“, „Kranich“ und „Alk“, dahinter die 1. Division mit „Pelikan“, „Häher“, „Storch“ und „Reiher“. Der neue Geschwaderchef, Fregattenkapitän M., hat vor zwei Wochen das Kommando übernommen und ist auf „Häher“ eingestiegen. Bisher war der Führer der 2. Division und Kommandant der „Weihe“, Korvettenkapitän Benzino, als Kommandeur mdWdGb (mit der Wahrung der Geschäfte beauftragt), wie es bei der Marine so schön heißt.
Es sieht so aus, als seien sich alter und neuer Kommandeur nicht sonderlich „grün“.


Satte 8

„Don Ölo“, wie KK Benzino von seinen Leuten liebevoll genannt wird, demonstriert dem „Neuen“ das Einmaleins des Schnellbootfahrens: ständige Formationsveränderungen nach Kurzsignalen, Fahrtstufenänderungen mit Flaggensignal, Torpedoangriff auf der „Hundekurve“, Artillerieangriff mit „Alle Alleee“ auf eine Fähre. Die Kommandanten und Besatzungen sind gut aufeinander eingespielt, Don Ölo grinst zufrieden. : satte 8
Dann versucht der Neue einen Sektorenangriff auf einen Frachter, der prompt in die Hose geht, weil ein Boot nicht rechtzeitig „Alfa Station“ meldet und zu spät „Grün schießt“. Don Ölo grinst hämisch.
Gegen Abend erreichen die Boote den Ankerplatz im Lister Tief und ergänzen von einem Versorger Öl und Treibstoff. Der Wind hat aufgefrischt und weht mit Stärke 6 aus Südwest, doch auf dem gut geschützten Ankerplatz dümpeln die Boote nur leicht und schwojen um die Anker.
Während der Nacht geht eine Kaltfront durch, der Wind frischt noch mehr auf und dreht auf Nordwest. Gegen Mittag erreicht uns über Funk der Einsatzbefehl für die Nacht: Aufklären gegen „feindliche“ Zerstörer aus Norden und Süden. Am frühen Nachmittag messen wir am Anker Windstärke 8 mit Böen der Stärke 9 aus Nordwest. Falls wir auslaufen, steht uns eine unruhige Nacht bevor.
Schnellboote unseres Typs, der „Jaguar“-Klasse, werden sinnvoll nur bis etwa Windstärke 7 eingesetzt, weil sonst ihre stärkste Waffe, die Geschwindigkeit, nicht mehr zum Tragen kommt.
Gegen 16.00 Uhr schickt der Kommandeur den „Pelikan“ als sogenanntes Wetterboot hinaus. Es soll herausfinden, ob bei den herrschenden Seegangsverhältnissen ein Einsatz möglich ist. Die Entsendung von Wetterbooten ist ein ebenso alter wie überflüssiger Brauch bei der Schnellbootfahrerei. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Kommandant zurückgekommen ist und meinte „es geht nicht“, das könnte ja als Muffensausen ausgelegt werden.
Etwa eine Stunde später ist der „Pelikan“ wieder da. Der Alte, wir nennen ihn Dr. Agrar, weil er das Benehmen eines Bauern hat, steht klatschnass und ohne Mütze auf der Brücke, zeigt aber mit dem Daumen nach oben. Also Pech gehabt, nix mit Wein und Gesang auf dem Ankerplatz.
Bei Einbruch der Dunkelheit passieren wir auslaufend die Barre, die Divisionen trennen sich. Der Kommandeur läuft mit seinen vier Booten in Richtung Helgoland nach Süden, „Weihe“, „Kranich“ und „Alk“ nehmen Kurs auf Schottland, genau gegen Windsee und Dünung, die jetzt aus einer Richtung kommen.
Don Ölo tastet sich vorsichtig an die maximal mögliche Geschwindigkeit heran und befiehlt wegen des schweren Wetters doppelte Normalabstände für die beiden anderen Boote. Bei 24 Knoten ist Schluss, darüber hinaus muss er die Maschinen wegen der Gefahr des Unterschneidens zu häufig stoppen.
Dann lässt er „Kranich“ und „Alk“ zu einer weit auseinander gezogenen Dwarslinie ausschwenken, der Aufklärungsformation gegen die erwarteten Zerstörer. In der einsetzenden Dunkelheit sind die Boote schnell außer Sicht. Die Division fährt abgeblendet im Klarschiffzustand, weder Dampferlicht noch Positionslaternen sind gesetzt. Das Radargerät wird abgeschaltet, der Schirm ist weiß von Seegangsreflexen.
Mit einem kurzen Funksignal habe ich das Auslaufen der Boote an das Flottenkommando gemeldet. Nun schalten alle Boote die „FPB Command“, auf der aber nur bei Feindberührung gesendet werden darf. Auch das Flottenkommando besetzt jetzt diese Frequenz.
Der Wind nimmt zu, bestimmt hat er volle Stärke 9 erreicht. Das Boot klettert regelrechte Wellenberge hinauf, kippt nach vorne ab und schießt ins nächste Tal hinab. Immer öfter höre ich Don Ölo die Maschinen stoppen. Als mein Funkgast, ein Gefreiter aus dem Rheinland, in die Fullbrass zu reihern beginnt, schicke ich ihn nach Funkraum II, wo er sich auf einer Matratze festklemmt. Der Junge ist völlig verängstigt. Ich bin zwar auch erst 20 Jahre alt, aber die Erfahrung auf den Fischkuttern hat mir wenigstens Seebeine wachsen lassen.
Was da über die Brücke wegrauscht, ist längst keine Gischt mehr und über die Back brechen die ersten grünen Seen herein. Das ist kein Schnellbootwetter, mir graut vor der Kursänderung.
Schon kurze Zeit später meldet sich der Alte auf dem Kurbeltelefon: „Wir wollen Kurs ändern, aber wir haben „Kranich“ und „Alk“ auf UKW verloren. Geben sie an beide Boote ‚Auf doppelten Normalabstand heranschließen‘.“
„Jawoll Herr Kap’tän, an „Kranich“ und „Alk“ ‚Auf doppelten Normalabstand heranschließen‘.“
Beide Boote melden sich sofort und quittieren. „Abgesetzt und verstanden“ melde ich dem Kommandanten.
Jetzt ruft auch das Boot des Kommandeurs. „Exercise abandoned due to bad weather conditions“ gibt er an das Flottenkommando. Ich ziehe den Streifen aus der Schlüsselmaschine und stemme mich gegen das Schott zur Brücke. Don Ölo steht geduckt hinter dem Windabweiser und krallt sich mit den Händen an der Ablage fest.
„Funkspruch des Kommandeurs“ melde ich. Der Kommandant verschwindet mit dem Streifen im Kartenhaus. Hinter mir, in der Wanne, kauern drei oder vier Mann. Einer ist am Feuerleitgerät festgebunden. Der Schmadding steht am Ruder, der Maschinentelegraf ist nicht besetzt. Der Wachoffizier ist nicht auf der Brücke, wahrscheinlich liegt er auch in sauer. Ich ducke mich vor dem überkommenden Wasser. Das Boot quält sich gerade einen riesigen Wellenberg hinauf. Es ist nicht völlig dunkel, hinter Wolkenfetzen beleuchtet der Mond eine gigantische Szenerie.
„Schnellboot“ schreit plötzlich der Schmadding und reißt alle vier Maschinentelegrafen auf „Stop“.
Jetzt höre ich es auch: lauter werdende Motorengeräusche von Steuerbord voraus. In diesem Augenblick kippt das Boot über den Wellenkamm und saust ins Tal hinunter. Unsere Stoßgebete fahren gen Himmel. Vor uns schießt ein Schatten vorbei. Es ist eine Sache von vielleicht 10 Metern, die wir hinter dem Heck passieren. Wenn es gekracht hätte, wären wir dem anderen bestimmt bis auf den Kiel gefahren. Der Alte stürzt aus dem Kartenhaus und schreit: „Lichter setzen“.
Auch auf dem anderen Boot setzt man Positionslaternen und Dampferlicht. Es ist der „Alk“. Ein Stück achteraus schaltet „Kranich“ die Laternen ein.
Unser Schmadding ist ein alter Oberbootsmann aus dem zweiten Weltkrieg. Auch damals war er Schnellbootfahrer gewesen. Don Ölo dreht das Boot auf dem Kamm eines Wellenbergs auf Gegenkurs. „Kranich“ und „Alk“ folgen in versetzter Kiellinie. Vor der Barre stehen wir noch quer zur See drei Stunden auf und ab. Bei dieser See will Don Ölo nur mit Hochwasser die Untiefe passieren. Jetzt geht unser gesamtes Geschirr zu Bruch.

Die 1. Division gesellt sich zu uns. Auf dem „Storch“ weht der „Black Pennant“, man hat schon wieder einen Kolbenfresser. Das Flottenkommando meldet die Zerstörer in der Aalbaek-Bucht hinter Skagen vor Anker. Sie waren gar nicht ausgelaufen, „weil sich die Schnellboote bei diesem Wetter sowieso nicht raus trauen“.
Später, vor Anker, sehen wir das Boot des Kommandeurs. Der Windabweiser fehlt, die Aluminiumniedergänge von der Brücke zum Vorschiff sind zusammengedrückt, das vordere Torpedorohr auf Backbordseite ist 45 Grad nach oben verbogen. Eine Barkasse von Land holt den Kommandeur von Bord und bringt ihn ins Lazarett der Versorgungsschule in List. Er ist nach der Kursänderung 3 Meter von der Brücke in den Plottraum gestürzt, hat sich zahlreiche Prellungen zugezogen und den rechten Arm gebrochen. Als das V-Boot vom „Häher“ ablegt, steht Don Ölo auf seiner Brücke und grinst.
„Jetzt kann er nicht einmal mehr grüßen“ murmelt er vor sich hin. Dann geht er hinunter und verschwindet mit dem Schmadding und einer Flasche Sekt in seiner Kammer.

Wer bis hierher gelesen hat, IST ein echter Schnellbootfahrer

Quelle:
http://neobazi.net/archives/3744