Halbzeit bei „Atalanta“

 

Herr Admiral, sie sind jetzt seit drei Monaten mit der Fragatte "Brandenburg" im Einsatz. Welche Ereignisse oder Momente haben Sie in dieser Zeit besonders bewegt?


Flottillenadmiral Jürgen zur Mühlen ()

Zum einen die Solidarität im Einsatzgebiet über alle politischen Schranken hinweg bei der Suche nach einem vermissten Besatzungsmitglied eines südkoreanischen Kriegsschiffes. Leider haben wir den Soldaten nicht mehr auffinden können, aber das Engagement der internationalen Besatzungen der Schiffe und Flugzeuge war eindrucksvoll und demonstrierte, dass gerade auf See die Kameradschaft groß geschrieben wird. So beteiligten sich an der Suche wie selbstverständlich, neben den NATO-, US- und meinen EU-Einheiten, auch ein japanisches und drei chinesische Kriegsschiffe.

Zum anderen die Einsatzbereitschaft und der fortgesetzte Professionalismus der im Rahmen der Operation „Atalanta“ eingesetzten Soldaten. Gerade die in Djibouti stationierten, oder zum Zeitpunkt des Selbstmordanschlages anwesenden Soldaten möchte ich ansprechen, die weiterhin engagiert ihren Dienst dort verrichten. Die niederländischen und spanischen Soldaten meines Verbandes, die beim Anschlag verletzt wurden, sind inzwischen wieder wohlauf, ihr Genesungsfortschritt ist langsam, aber stetig. Das freut mich ganz besonders.

Welche besondere Rolle spielt dabei das Flaggschiff "Brandenburg", von dem aus Sie mit Ihrem Stab die Operation auf See führen?


Soldaten im Decksdienst an Bord der „Brandenburg“ (Quelle: Bundeswehr/Sascha Jonack)

Vor dem Auslaufen hat mir der Kommandant gesagt, dass er sein Schiff in den nächsten Monaten vorrangig als Dienstleister für meinen Stab und mich sähe. Und genauso haben wir unser Flaggschiff in den letzten Monaten erleben dürfen: als die Basis der Gemeinschaft, aus der wir quasi unsere Kraft schöpfen.

Ich habe in der Vergangenheit durchaus erleben können, dass eingeschiffte Stäbe wie ein Fremdkörper in einem sonst routinierten System wirken. Hier an Bord fühlen wir uns wohl und sind ein Teil dieser Gemeinschaft und werden durch diese getragen, auch mit und trotz der heterogenen Zusammensetzung des internationalen Stabes. Kurz: das gemeinsame Wohlfühlgefühl könnte nicht besser sein.

Als Kommandeur der Task Force 465 unterstehen ihnen eine Vielzahl von Schiffen, Flugzeugen und Hubschraubern mit rund 800 Besatzungsmitgliedern. Sie nutzen regelmäßig die Gelegenheit, die beteiligten Einheiten zu besuchen. Welche Eindrücke haben die Gespräche mit den Besatzungen bei ihnen hinterlassen?

Teil der Operation „Atalanta“: Der deutsche Seefernaufklärer P-3C „Orion“ (Quelle: Bundeswehr/Sascha Jonack

Ich nutze die Gelegenheit, um mit den Kommandanten und Besatzungen ins Gespräch zu kommen und eine einheitliche Basis für die gemeinsame Operation zu schaffen, aber auch deren Eindrücke mitzunehmen. Beeindruckt hat mich immer die Professionalität, mit der diese Operation auch noch im sechsten Jahr durchgeführt wird.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mit den beim Anschlag in Djibouti verletzten Soldaten der niederländischen Fregatte „De Zeven Provincien“ zu sprechen, ihre Ängste zu verstehen, aber auch meinen Respekt für Ihre Bereitschaft zur Fortsetzung der Operation auszudrücken.

Wie geht es mit der Operation "Atalanta" weiter? Gibt es Ziele, die Ihnen in den nächsten Monaten besonders wichtig sind?

Mir ist es weiterhin besonders wichtig, dass die mir anvertrauten Soldaten wieder heil und gesund nach Hause zurückkehren und gleichzeitig diese Operation weiterhin erfolgreich gestalten zu können. Zu Letzterem dient insbesondere der Kontakt und die Koordination mit den neuen Seebefehlshabern der NATO und Combined Maritime Force, mit denen ich mich in Kürze in See treffen werde sowie die Vorbereitung einer geordneten Übergabe an meinen italienischen Nachfolger Anfang August.