Die F 125

 

Die Bugsektionen aus Wolgast kommen (Quelle: ThyssenKrupp Marine Systems)

Groß wie ein stählernes Hochhaus schiebt sich der Bug der „Baden-Württemberg“ aus dem Dock. Davor tuckert ein Schlepper durchs Wasser und zieht das 150 Meter lange Schiff hinter sich her. Es ist ein Freitagmittag Ende März. Anthrazitfarbene Wolken hängen tief über dem Hafenbecken in Hamburg. Der Wind steht still. Die Werftmitarbeiter, die sich kurz zuvor am Kopf des Docks versammelt haben, scheinen den Atem anzuhalten. Kein Wort ist zu hören.

Immerhin wurde die neueste und modernste Fregatte der Deutschen Marine vor wenigen Minuten zum ersten Mal zu Wasser gelassen. Nun gleitet sie langsam an der Pier entlang – Richtung Elbmündung, Richtung Meer. An Bord des Schiffs laufen rund 40 Arbeiter auf und ab. Seit dem Morgengrauen prüfen sie, ob Wasser in den Rumpf eindringt. Ein wichtiger Augenblick für das ganze Team – schließlich soll der Stahlkoloss 30 Jahre im Einsatz sein.

Immer wieder kontrollieren sie die Schweißnähte. Alles bleibt trocken. Alles hält.
An der Reling steht der Fregattenlotse, er nickt den Kollegen an Land zu. Das ist das endgültige Zeichen, dass beim nicht-öffentlichen Stapellauf alles gut gegangen ist. Ein Dutzend kräftiger Arbeiterhände fliegt daraufhin in die Höhe, begleitet von jubelnden Pfiffen. Sie haben lange darauf gewartet. Drei Jahre Arbeit an der F125 sind vorbei. Zwei Werftarbeiter eilen herbei, nehmen ihre Bauhelme ab und klopfen mit der Faust dagegen. Ein Applaus für die Kollegen.

„Die First of Class ist ja astrein aufgeschwommen“, freut sich einer von ihnen, als der Schlepper das Schiff sicher an die Pier, Liegeplatz 2, bugsiert. Drei kirchturmhohe Kräne lassen dort bereits die Festmacherleinen herunter. Arbeiter an Deck und Pier machen die Fregatte fest. Am nächsten Tag setzt sie der Schlepper an die Ausrüstungspier. Hier erhält sie die Endausrüstung, vom Waschbecken bis zur Waffe. Im Sommer 2015 läuft die „Baden-Württemberg“, das Typschiff der Klasse 125, zu ersten Probefahrten aus.

Puzzlearbeit: Aus 3.000 Tonnen Stahl entstehen 570 Räume (Quelle: ThyssenKrupp Marine Systems)

7.000 Blatt Papier

Die Geschichte der F125 begann vor neun Jahren. Zwei Jahre entwickelte das auf Marineschiffe und Uboote spezialisierte Unternehmen ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) zusammen mit der Bremer Friedrich Lürssen Werft die Pläne, bis im Juni 2007 alles vollständig war.

Zu diesem Zeitpunkt passte das Marineschiff noch in einen Kleintransporter: Knapp 7.000 Seiten mit Kalkulationen, technischen Zeichnungen und Leistungsbeschreibungen. Der Bauvertrag für vier Fregatten wurde mit dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (heute Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung, BAAINBw) in Koblenz geschlossen. Inzwischen ist aus all dem Papier ein Schiff geworden – am Ende wird es 7.000 Tonnen wiegen.

„Die Kunst beim Schiffbau ist die Kunst des Projektmanagements“, sagt Tim Becker von TKMS, der das Projekt F125 industrieseitig leitet. „Der Auftrag ist komplex, da hunderte Subunternehmer mit an Bord sind.“ Dafür haben sich TKMS in Hamburg und die Bremer Friedrich Lürssen Werft zur Arbeitsgemeinschaft F125 zusammengeschlossen.

In Hamburg wurde das Hinterschiff von TKMS konstruiert und auf der Werft Blohm+Voss Shipyards gefertigt. Aus Bremen kam das 62 Meter lange Vorschiff, aus der Peene-Werft im vorpommerschen Wolgast die Bugsektionen. Die Werftarbeiter schweißten Vor- und Achterschiff zusammen.

Tausende Stahlprofile werden glattschliffen (Quelle: Bundeswehr)

Hohe Anforderungen für einen moderne Fregatte

Becker und sein Team koordinieren jeden Tag die Arbeit von Kollegen und Zulieferern, wie Stahlbauer, Schweißer, Elektriker und Installateure. „Eine Million Fertigungsstunden sind zum Bau einer Fregatte notwendig“, sagt der 51-Jährige. Allein 15.000 technische Zeichnungen haben die Konstrukteure produziert. „Eigentlich sind wir Schiffsarchitekten. Von den ersten verschweißten Stahlplatten über Kantinenraum und Wohnkammern bis zu komplexen IT-Netzwerken und Gesamtversorgung sind wir gefordert“, sagt sein Kollege Uwe Dierfeld, Plattformmanager der F125. „Die Anforderungen der Bundeswehr sind extrem hoch – doppelte Einsatzzeit bei halber Mannschaft. Da muss vieles neu entwickelt und maßgeschneidert konstruiert werden.“

Mit einer Länge von 149 Metern, über 18 Metern Breite und einer Verdrängung von rund 7.000 Tonnen wird das Hightech-Schiff die größte für die Marine gebaute Fregatte sein. Auf mehr als zwei Milliarden Euro beläuft sich das Auftragsvolumen für den Bau der vier Einheiten F222 „Baden-Württemberg“, F223 „Nordrhein-Westfalen“, F224 „Sachsen-Anhalt“ und F225 „Rheinland-Pfalz“. Zum ersten mal weltweit erhält ein Marineschiff einen CODLAG (COmbined Diesel-eLectric And Gasturbine)-Hybridantrieb mit 35.000 Kilowatt Leistung.

Der elektrische Antrieb besteht aus zwei Elektromotoren, die je eine Propellerwelle bis Marschgeschwindigkeit antreiben. Für schnellere Fahrten bis zur Höchstgeschwindigkeit von 26 Knoten (etwa 50 Stundenkilometer) wird eine Gasturbine zugeschaltet. Die elektrische Leistung erzeugen vier Dieselgeneratoren. Verglichen mit den konventionellen CODOG/CODAG-Anlagen reduziert sich der Wartungsaufwand enorm, da die Dieselmotoren verschleißärmer arbeiten.

Die Fregatte „Baden-Württemberg“ beim Ausdocken aus dem Schwimmdock im Hamburger Hafen (Quelle: Bundeswehr)

Effizienz und Leistungsfähigkeit

„Mehr Innovation und Technologie im Schiffbau geht nicht. Die F125 könnte eine 50.000-Einwohner-Stadt mit Strom versorgen“, sagt Plattformmanager Dierfeld. Er hat ein Faible für Marineschiffe, kann stundenlang darüber erzählen: „Die F125 gehört zum Beeindruckendsten, was man aus Schiffsbaustahl machen kann“, sagt der 53-Jährige, der seit 1990 an Fregattenaufträgen arbeitet.

Fregattenkapitän Kai Landgrebe stellt fest: „Wir konstruieren und bauen vier hochmoderne Schiffe für die Deutsche Marine.“ Als Vertreter des Projektleiters des BAAINBw am Standort Hamburg betreut er die Bereiche Schiffstechnik und Intensivnutzung. Die F125 kann bis zu zwei Jahren im Einsatzgebiet bleiben, ohne in den Heimathafen zurückzukehren oder in einer Werft gewartet werden zu müssen. „Das ist ein völlig neues Kapitel an Effizienz und Leistungsfähigkeit“, sagt Landgrebe.


Speziell entwickelt für die heutigen und zukünftigen Einsatzszenarien der Deutschen Marine, sollen die Schiffe Embargomaßnahmen durchsetzen, See- und Lufträume überwachen und Evakuierungsvorhaben unterstützen. „Die F125 dient vor allem der Friedenssicherung“, sagt Landgrebe und fasst ihre drei wesentlichen Aufgaben zusammen: „Konfliktverhütung, Krisenbewältigung sowie Stabilisierungsoperationen.“

Ein Schwimmkran transportiert eine gefertigte Sektion zum Dock (Quelle: ThyssenKrupp Marine Systems)

Auf in die Welt

Noch sind die räume leer: nackter Stahl, ein bisschen Licht und unzählige Leitungen. An allen Ecken der „Baden-Württemberg“ sind Arbeiter am Werk. Während sie in einem Raum Wasserrohre installieren, blitzt in einem anderen Funkenregen auf – hier schleifen sie Wände und Profile glatt. Auch Brücke und Mast sind noch eingerüstet.

Immerhin sind 17.000 Geräte und 50 Kilometer Rohre in die 570 Räume einzubauen. „Allein 400 Kilometer Kabel regeln den Datentransfer in der Hochseefregatte“, sagt Becker. Unter Deck wird es schon bald etwas bequemer. Die Kajüten sind für zwei oder vier Mann ausgelegt. „Es ist noch lange kein Kreuzfahrtschiff, aber gemütlich“, sagt Becker, „schließlich sind vier Monate auf See eine lange Zeit. Da sollen sich die Soldaten auch wohlfühlen.“

Deswegen ändern sich auch die Stoffe für die Sitzmöbel der Mannschaftsräume. Sie sind feuerfest und leuchten in rot-blau-grünen Streifen. Nicht nur das Schiff ändert sich, sondern auch die Struktur. Durch den im Zweibesatzungskonzept vorgesehenen, regelmäßigen Wechsel zwischen Ausbildungseinrichtungen und Fregatte reduziert sich die Einsatzzeit der Besatzung von bis zu neun auf vier Monate. Die Soldaten bekommen dadurch mehr Planungssicherheit und Zeit für Familie und Freundeskreis.

Die nicht im Einsatz befindliche Mannschaft bereitet sich zukünftig im neuen Erprobungs- und Ausbildungszentrum im Marinestützpunkt Wilhelmshaven auf ihre neuen Aufgaben vor. Schon jetzt finden dort die ersten Trainings statt, mit allen an Bord befindlichen Computern und Konsolen, einschließlich der Radar-Konsole. Ende 2016 wird das erste Kriegsschiff der Klasse F125 in Dienst gestellt. Bis 2019 folgen drei weitere.

Von Wilhelmshaven aus werden die grauen Kolosse die Weltmeere befahren. Dabei sind die Fregatten für Klimabedingungen von der Eisgrenze bis zu tropischen Zonen ausgelegt. Mit der „Baden-Württemberg“ und ihren Schwesterschiffen ist die Deutsche Marine für ein Vielzahl möglicher künftiger Einsatzszenarien gerüstet.

Hightech an Bord

Antrieb

Der Hybridantrieb besteht aus einer Gasturbine, zwei Elektromotoren, einem Getriebe, zwei Verstellpropellern und vier Dieselgeneratoren (Combined Diesel-, Electric- and Gasturbine, CODLAG). Bis Marschgeschwindigkeit läuft nur der elektrische Antrieb, für schnelle Fahrten zusätzlich die Gasturbine.

Effektoren

2 x Leichtgeschütz 27 mm, 5 x Maschinengewehr 12,7 mm und 2 x Sea-Lynx-Helikopter mit U-Jagd-Ausrüstung. Dazu: 4 x MASS-Werfer (Multi Ammunition Softkill System), 2 x RAM (Rolling Airframe Missile) je 21 Zellen in richtbaren Werfern, See- und Landzielgeschütz 127 mm, 8 x Seezielflugkörper AGM-84 Harpoon.

Sensoren

Das AESA-Multifunktionsradar TRS-4D mit erweiterter Nahbereichsauflösung wird ergänzt durch Infrarotkamera-Überwachung, elektro-optischen Tracker MSP 600 sowie ein Taucherdetektionssonar. Die Sensoren unterstützen die weitgehend automatische Bekämpfung bis wenige Meter vor die Bordwand.

Spezialkräfte

Die F125 bietet die Infrastruktur, zusätzlich zur Stammbesatzung von 120 Soldaten und der Helikoptercrew von 20 Soldaten weitere 50 Soldaten der Spezialkräfte aufzunehmen. Ihnen stehen ein separater Führungs-, Planungs- und Stauraum zur Verfügung sowie vier Einsatzboote mit je vier MGs 12,7 mm.

Tim Becker (Quelle: ThyssenKrupp Marine Systems)

3 Fragen an Tim Becker

Tim Becker (51) ist Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft F125 bei ThyssenKrupp Marine Systems in Hamburg.

Y: Was ist das Besondere an der neuen Fregattenklasse F125?

Becker: Die F125 wird 24 Monate im Einsatzgebiet sein, zwei- bis dreimal so lange wie aktive Fregatten heute. Und das mit einer nur halb so großen Besatzung. Statt 240 Soldaten fahren nur 120 mit, dafür aber tonnenweise Hightech.

Y: Wo liegen denn die Unterschiede zur F123 und F124?

Becker: Die F123 und die F124 sind in Zeiten des Kalten Krieges konzipiert und für einen umfassenden militärischen Konflikt ausgelegt worden. Im Gegensatz dazu soll die F125 in Stabilisierungseinsätzen Piraten und Terroristen bekämpfen. Gewöhnungsbedürftig ist natürlich: Innovation und Technologie ersetzen ein Großteil der Besatzung.

Y: Was fasziniert Sie am Schiffbau?

Becker: Wenn man hautnah miterlebt, wie ein knapp 150 Meter langer und über 18 Meter breiter Stahlkoloss entsteht, ist das einfach beeindruckend. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem unser Schiff das erste Mal auf hoher See ist und zeigen kann, was es draufhat.