Das Schnellbootfahren

 

 

Der Austausch von Lichtsignalen (Quelle: PIZ Marine/Jelena Wiedbrauk)

„Wollt Ihr Schnellbootfahrer werden?“, fragte einst der Herr die Steine. „Nein“ antworteten diese, „dafür sind wir nicht hart genug.“ Ähnliche Sprüche gibt es fast zu jeder Truppengattung. Selten treffen sie so den Kern wie hier – denn Schnellbootfahrer sind sehr speziell, wie das Manöver „Squadex 2012“ erneut bewiesen hat.

Bei der „Squadron Exercise“ sind ein Tender und vier Boote des 7. Schnellbootgeschwaders in der westlichen Ostsee unterwegs. Sie tragen Namen wie „Puma“, „Frettchen“, „Ozelot“ oder „Zobel“. Raubtiere eben, aber vom Aussterben bedroht. Noch fahren acht von ihnen im Bestand der Marine, aber ihre Jahre sind gezählt. Die Außerdienststellung ist vorgeplant. Mit voller Einsatzfähigkeit der Korvetten werden sie aus der Bundeswehr verschwinden.

„Überwasser-Seekriegsführung in Küstennähe“ war bei der Indienststellung Anfang der 80er-Jahre ihre Hauptaufgabe. Schwerpunkt: die Ostseezugänge verteidigen. Dafür sind Kanone, Seeziel- und Flugabwehr-Flugkörper, Elektronik, Operationszentrale (OPZ) und Maschinenanlagen ausgelegt. Wo auf den 57 Metern Länge dann noch Platz ist, lebt und arbeitet die 36-köpfige Besatzung. Die Boote sind „Einwachenschiffe“, das heißt: Jeden Dienstposten gibt’s nur einmal, jeder ist im Dienst solange der Einsatz dauert.

Gegessen wird zwischendurch und im Stehen (Quelle: PIZ Marine/Jelena Wiedbrauk

Anspruchsvolles Fahren

Vor Sonnenaufgang, bevor es schließlich an Bord der schwimmenden Raubtiere geht, belehrt uns der Offizier eines Tenders: „S-Boot fahren ist Raubbau am Körper.“ Nach einigen Jahren auf den Flitzern ist der Offizier heute mit dem Versorgungsschiff etwas gemächlicher unterwegs. Ein anderer Spruch über den Alltag auf den kleinen Kriegsschiffen lautet: „Männer aus Stahl fahren Boote aus Holz“ – wobei sich das mit den „Männern“ mittlerweile geändert hat. Auf fast allen Booten gehören auch Frauen zur Besatzung. „Man darf als Frau aber nicht empfindlich sein“, erläutert die Wachoffizierin, „getrennte Schlaf- oder Sanitärräume sucht man hier vergeblich.“

„Ausbildungsschwerpunkte sind die navigatorisch anspruchsvollen Fahrten in der dänischen Inselwelt und das Fahren im Verband“, sagt Fregattenkapitän Christian Meyer, der als Geschwaderchef bei der Übung natürlich an Bord ist.

Schnellboote sind schwierig zu beherrschende Seefahrzeuge. Das wird schon beim Ablegen deutlich. Decksbesatzung und Wachoffizier müssen ein eingespieltes Team sein, Kraft und Drehrichtung der Antriebsschrauben müssen für das Manövrieren richtig dosiert und eingesetzt werden. Langsames Fahren ist mit den Booten kaum möglich. Selbst wenn nur eine der vier Schrauben arbeitet, läuft so ein Boot schon acht Knoten, also 15 km/h. Das mag einem Nicht-Seemann langsam vorkommen, in engen Hafengewässern

76-mm-Munition für das Oto-Melara-Geschütz (Quelle: PIZ Marine/Jelena Wiedbrauk)

Manöveralltag auf der Ostsee

Morgens um 7 Uhr geht es bei klarer Luft und guter Sicht los. Ablegen. Kaum sind wir aus dem dänischen Hafen Aarhus ausgelaufen, beginnt der Manöveralltag. „Besatzung auf Gefechtsstation, Gefechtsverschlusszustand herstellen.“ Spätestens jetzt ist jeder voll bei der Sache.

Erster Übungspunkt ist danach der „Jägermarsch“ mit drei Booten. Die Schnellboote fahren in Kiellinie hintereinander, jeweils das letzte schließt zum ersten auf, geht auf Parallelkurs in 20 Metern Abstand und stellt eine Leinenverbindung her. Auf diese Weise können „Postbeutel“ mit Informationen, Medikamenten oder Ersatzteilen ausgetauscht werden. Hier kommt es auf die fehlerfreie Zusammenarbeit von Decks- und Brückenbesatzung an. Langweilig wird es den Soldaten auf solchen Geschwaderübungen nie.

Schnellboote S 75 "Zobel" und S 76 "Frettchen" (Quelle: PIZ Marine/Jelena Wiedbrauk)

Volles Programm mit hoher Intensität

Den Fahrübungen folgen Berge-, Abschlepp- und Ankermanöver, Anlegen an Schwesterboote, Feuerlösch-, Sanitäts- und Leckbekämpfungs-Einlagen. Volles Programm mit hoher Intensität bis nach Mitternacht. Gegessen wird zwischendurch, in Schichten und meist im Stehen – dort wo gerade Platz ist und man den Kameraden nicht im Wege ist.

Die Enge an Bord ist unglaublich. Keine Rückzugsmöglichkeiten. Jeder ist durchgängig im Einsatz. Eine besondere Herausforderung stellt das Fahren in der engen Inselwelt Dänemarks dar. Zum Beispiel bei der Fahrt durch den Kleinen Belt, die Meerenge zwischen Jütland und der Insel Fünen. Keine Minute vergeht ohne Richtungs- oder Geschwindigkeitsänderungen.

Der Abstand zum Ufer beträgt oft nur wenige hundert Meter. Nach dem Anlegen an den Tender, weit nach Mitternacht, folgen das Betanken und Seeklarmachen für den nächsten Tag. Mit Glück sind drei Stunden Schlaf drin, bis es dann wieder heißt: „Riiiiise! Riiiise! Aufstehen!“, und um sechs Uhr: „Leinen los und ein!“

Schnellboot beim Schießen (Quelle: PIZ Marine/Jelena Wiedbrauk)

S-Bootfahrer im Geschwindigkeitsrausch

Im Verlauf des Manövers wird klar, dass S-Bootfahrer eine Klasse für sich sind. Offensichtlich benötigen sie extrem wenig Schlaf und mögen es schnell. So jenseits der 35 Knoten spürt man bei ihnen eine Veränderung: Wenn die Abgasklappen geöffnet sind und 18.000 PS ins Meer röhren, wenn der Fahrtwind die Gischt übers Deck peitscht, gehen die Mundwinkel nach oben, die Augen werden verschmitzter.

Pures S-Bootfahren in der Bundeswehr. Dabei reduziert sich meist auch der Wortschatz. Ein „Echt geil...“ reicht den Ostseerockern, um ihre Emotionen auszudrücken. Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 42 Knoten (80 km/h) sind mit den Booten vor allem aufgrund der Bauweise möglich: Die Rümpfe bestehen aus Mahagoniholz. Damit erreichen sie eine Elastizität, die Schläge und Belastungen auf die Bootsstruktur dämpft.

Die Bewaffnung bilden eine 76-mm-Kanone und vier Exocet-Seezielflugkörper. Für die Abwehr von Angriffen aus der Luft sorgt ein RAM-Flugkörper-Werfer. Und da die Boote meist im Verband mit Anderen unterwegs sind, stellt solch ein Schnellbootgeschwader ein äußerst gewichtiges Seekriegsmittel dar

. Rendezvous in der Ostsee (Quelle: PIZ Marine/Jelena Wiedbrauk)

Der Kern der Gemeinschaft

Die Beherrschung der Waffen und der Einsatztaktik ist ein weiterer Schwerpunkt des Squadex-Manövers. Täglich werden Angriffs- und Verteidigungslagen geübt, die vor allem die Taktiker in der OPZ fordern. Rund ein Drittel der Besatzung sind „Kämpfer“. Sie sitzen in der abgedunkelten OPZ im Rumpfinnern und haben nur über Radar oder Optik mit der Außenwelt Kontakt.

Schnellbootfahrer lieben die Nacht, schleichen sich gerne ohne Radar- und Funkabstrahlung im Schatten anderer Schiffe oder in Landabdeckung an – und schlagen dann kurz und wirksam zu. S-Boot-Seekrieg erfolgt auch unter Anwendung von List und Tücke.

Interessant zum Beispiel ist dabei die Tarnung mit einem aufgespannten Lecksegel. Dieses wurde mit warmem Wasser angespritzt, um im Wärmebild des Gegners einem Fischkutter zu ähneln. Schnell fahren, schnell denken, schnell entscheiden – das ist der Kern der Kampfgemeinschaft.

Technik

Typ:

Die „Gepard“-Klasse (143A) ist eine Weiterentwicklung der „Albatros“-Klasse. Anstelle eines zweiten 76-mm-Oto-Melara-Geschützes haben die Boote ein GDC RAM-Flugkörpersystem (21 Zellen) plus vier Seezielflugkörper „Exocet MM 38“. Die Torpedobewaffnung wich einer größeren Minenlegekapazität.

Antrieb:

Vier MTU-Motoren (16V 956 TB 911) mit je 4.500 PS beschleunigen die Schnellboote auf bis zu 42 Knoten.

Sensoren:

Alle Boote verfügen über ein Seeraumüberwachungs- und Navigationsradar, ein automatisches Gefechts- und Informationssystem für Schnellboote (AGIS) sowie eine Radar-, Führungs- und Waffenleitanlage.

Fregattenkapitän Christian Meyer (Quelle: PIZ Marine/Jelena Wiedbrauk)

»Schnellboote können eine ganze Menge«

Fregattenkapitän Christian Meyer (43), Kommandeur des 7. Schnellbootgeschwaders in Warnemünde. Ihm unterstehen noch acht Boote.

Y: Welchen Stellenwert hat das Squadex für das Geschwader?

Meyer: Zweimal im Jahr machen wir ein zwei- bis dreiwöchiges Squadex. Die Schwerpunkte wechseln. Diesmal trainierten wir Taktik und Navigation. Beim nächsten Squadex beschäftigen wir uns mit Waffenübungen und dem Elektronischen Kampf. Die Seemannschaft ist immer dabei. Diese Manöver sind wichtig für uns, denn die Ausbildung ist intensiv, der Fortschritt von Tag zu Tag sichtbar. Deshalb freuen sich die Besatzungen auf diese Seewochen. Sie erhalten gleichzeitig eine gute Grundlage für die erweiterte Ausbildung im Flottillenrahmen und in internationalen Manövern.

Y: Wie sieht denn die Personallage im Geschwader aus?

Meyer: Uns kommt die enge Bindung an Rostock und Mecklenburg-Vorpommern zu Gute, die Menschen sind hier marineinteressiert. Die meisten unserer Soldaten kommen aus der Region. Trotzdem merken wir das Fehlen vor allem von Technikern und Mannschaftsdienstgraden. Deshalb bin ich um jede Frau und jeden Mann froh, die zu uns kommen wollen.

Y: Sind denn die Tage der Schnellboote nicht gezählt?

Meyer: Nach jetziger Planung bleibt das Geschwader bis 2016 im Dienst. Solange werden mit den Schnellbooten sehr flexible Seekriegsmittel erhalten, die eine Menge können und die sowohl im intensiven Ausbildungsbetrieb des Geschwaders als auch, vorbehaltlich der Mandatierung, weiterhin im Einsatz sichtbar bleiben werden.