Segelvorausbildung Teil II

 

Segel setzten auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)

Der erste große Lernschritt für die 99 Kadetten der „Gorch Fock“ im Hafen von Santa Cruz de Tenerife ist getan. Sie sind mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut, kennen die Leinen, Taue und Segel und können sich sicher in den Masten bewegen. Verzugslos geht es mit dem nächsten großen Paket an Lernstoff weiter. Ein Wochenende Verschnaufpause liegt immerhin dazwischen. Diese zwei Tage können die jungen Marineoffizieranwärter und -anwärterinnen unter anderem dazu nutzen, an Land zu gehen, die Stadt oder auch die Insel zu erkunden, bevor die zweite Woche der Segelvorausbildung wieder da beginnt, wo die erste geendet hat. Mit dem lernen, lernen, lernen.

Unterricht: Boje über Bord (Quelle: 2014 Bundeswehr / Torsten Hemmersbach)

In dieser zweiten Woche werden all die Einzelschritte, die in der Vorwoche gelehrt und geübt wurden, in die Praxis umgesetzt und zu einem funktionierenden System zusammengeführt. Auf dem Programm stehen die Segelmanöver, mit denen das Segelschiff im Seebetrieb unter Segeln geführt wird.

Ähnlich den vorangegangenen Unterrichtungen, erfolgt zur Veranschaulichung der einzelnen Manöver jeweils eine theoretische Einweisung durch einen der Segeloffiziere, ganz simpel und pragmatisch anhand einer aus Segeltuch gefertigten Skizze. Die einzelnen Schritte des jeweiligen Manövers, die Wirkung des Windes und die resultierenden Bewegungen des Schiffes werden erläutert - und gleich anschließend in die Praxis umgesetzt.

Teamwork auf der „Gorch Fock“ (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)

Die Segelmanöver

Ändert das Schiff den Kurs in der Art, dass anschließend der Wind von einer anderen Richtung auf die Segel trifft, ist diese Manöver für die Besatzung mit viel Arbeit verbunden. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Dreht das Schiff mit der Nase, also dem Bug, durch den Wind, so heißt dieses Manöver „Wende“. Zunächst werden hierfür im Bereich des Vorschiffs mehrere Segel geborgen, um vorne den Winddruck zu verringern, wodurch das Schiff leichter in den Wind drehen kann. Im Verlauf der Drehung müssen die Segel an den Rahen unter großer Muskelkraft auf die andere Seite gedreht werden, der Segler nennt dies „umbrassen“. Anschließend werden alle zum Manöver geborgenen Segel wieder gesetzt und das Schiff segelt auf dem neuen Kurs weiter.

Bringt man das Schiff mit dem Heck durch den Wind, dann nennt man dieses Manöver „Halse“. Der Ablauf ist ähnlich dem der Wende, nur von hinten beginnend. Zunächst werden achtern, also im hinteren Bereich, die Segel geborgen, damit das Schiff leichter vom Wind weg drehen kann. In der Drehung werden wiederum die beiden Hauptmasten umgebrasst und schließlich alle geborgenen Segel wieder gesetzt..

. Kommando „Klar Deck überall“ (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler

Während eines Segelmanövers herrscht an Deck das totale Chaos – zumindest für den unwissenden Betrachter. Laute Kommandos und anfeuernde Rufe bilden den akustischen Rahmen, während an Deck rund 150 Soldaten und Soldatinnen scheinbar planlos durcheinander rennen und zusätzlich Hunderte Meter Tauwerk wild umher liegen. Doch dahinter steckt System. Nach Abschluss des eigentlichen Manövers ertönt daher das Kommando „Klar Deck überall“, das gesamte Tauwerk wird wieder feinsäuberlich aufgeräumt und nach wenigen Minuten ist der Spuk wieder vorbei.

Rekruten ziehen an der Brasse (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)

Notmanöver

Ein wichtiges Manöver heißt „Boje über Bord“. Dahinter verbirgt sich ein Notmanöver für den Fall, dass ein Besatzungsmitglied über Bord fällt. Dann kommt es darauf an, das Schiff so schnell wie möglich aufzustoppen, also anzuhalten um ein Rettungsboot auszusetzen. Für dieses Manöver wird wieder die gesamte Besatzung benötigt, um die Segel zu bergen, damit das Schiff wie bei der Wende leichter in den Wind schießen kann. Die übrige Segelmannschaft strömt auf den Alarm „Boje über Bord“ sofort an Deck, nimmt weitere Segel weg und brasst die Rahen des Großmastes auf die andere Seite. Im Ergebnis bekommen deren gesetzte Segel nun den Wind von vorne, wodurch das Schiff endgültig stoppt. Jetzt kann das Bereitschaftsboot sicher ausgesetzt werden, um den Verunglückten zur Hilfe zu eilen. Bei einer solchen Rettungsaktion kommt es auf Schnelligkeit an. Im Idealfall dauert dieses Notmanöver nur wenige Minuten.

Segel festmachen (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)

Am Anfang und am Ende eines jeden Tages stehten wie auch in der ersten Woche das Aufentern und Losmachen aller Segel. Diese Tätigkeiten laufen von Tag zu Tag flüssiger ab und der Ausbildungs- und Übungserfolg stellt sich erkennbar ein. Damit aber noch nicht genug.

Zum Abschluss der Segelvorausbildung steht das sogenannte Nachtsegelexerzieren auf dem Programm. Dahinter verbirgt sich ein abermaliges konzentriertes Üben alles bisher Gelernten, aber unter erschwerten Bedingungen bei Dunkelheit. Vor dieser Übung, die auch Prüfungscharakter hat, liegt aber zunächst eine kleine Verschnaufpause.

„Gorch Fock“: Segel setzen im Hafen von Santa Cruz de Teneri … (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)

Durch das Brassen werden die Segel gedreht (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)

Kommando wird erteilt: Klar zum Manöver (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)

An den Rahen werden die Segel auf die andere Seite gedreht (Quelle: 2014 Bundeswehr / Achim Winkler)